AM ANFANG...

... war ein Ende. Das vom "Traumberuf Pilot". Nach 4000 Stunden im Cockpit kündigte ich im Sommer 2020 meinen Job. So ging es weiter: 



31.10.2020

Mein letzter Arbeitstag als angestellter Pilot. Ich bin erleichtert, den Sprung gewagt zu haben. Endlich Klarheit zu spüren, nach Monaten des Grübelns. Die Kollegen reagieren gespalten: Manche gratulieren, andere schütteln den Kopf und haben kein Verständnis. Aber tief drinnen weiß ich: was ich hier tue, ist richtig.


14.11.2020

Es fühlt sich herrlich an, einmal nichts zu MÜSSEN. Wenn mich wer fragt, was ich jetzt beruflich mache, sage ich: es gibt viele Ideen, eine wird es werden. Und tatsächlich beschäftigt mich seit Monaten die Frage, wie wohl meine Kollegen denken, deren Job wackelt. Die wenigsten möchten umgeschult werden zum Busfahrer oder Zugführer. Die Branche geht durch tiefgreifende Veränderungen. Mit jeder Woche sinkt die Chance, dass alles so wird wie früher. Ich glaube nicht mehr daran.


22.11.2020

Ich habe einen Tagesrhythmus, das erste Mal seit Jahren. Denn bisher galt es, ständig flexibel zu sein. Im Privatjet fliegt man Regierungschefs und Formel 1 Weltmeister,  Stars und Konzernchefs - und zwar dann, wenn sie wollen. Längerfristig private Termine auszumachen, war unmöglich. Nun stehe ich jeden Tag um sechs Uhr auf. Meditiere eine Viertelstunde. Dann zum Yoga auf die Matte. Dann Arbeit, Schritt für Schritt meine Pläne umsetzen. Das geht gut. Aber in der Nacht holen mich Ängste ein. Was, wenn ich die Situation falsch einschätze? Es gibt kein backup, kein Netz. Du hast nichts in der Hand, sagt die Angst. Du wirst sehen, es geht sich alles aus, sagt meine innere Stimme. Einatmen. Ausatmen. Hoffentlich hat sie recht.


02.12.2020

Arbeitslos gemeldet sein, ist eine Sache, aber beim AMS in der Gruppe zu sitzen und sich auch plötzlich so zu fühlen, eine andere. An diesem Tag ist es so. Oder doch nur eine Frage der Perspektive? Wer soll mir vorschreiben können, wie ich mich zu fühlen habe? In dem Raum sind die Ängste spürbar, Resignation von jenen, die seit Monaten auf Jobsuche sind. Wenn man nicht aufpasst, kriegt man den schwarzen Peter zugespielt. Oje, Job verloren. Mit Ende 40. Als Pilot. Schlechte Karten. Aber nein, denke ich. Seht ihr nicht, dass hier gerade etwas Neues entsteht?


15.12.2020

Ich arbeite an einem Artikel für den Standard, der im Jänner erscheinen soll. Das Thema: welche Veränderungen das vergangene Jahr gebracht hat. Für die Welt, aber auch im Kleinen, in meinem Alltag widergespiegelt. Beim Schreiben wird mir klar: kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Ich habe mein Auto verkauft. Meinen Job gekündigt. Meine jüngere Tochter ist fertig mit der Schule und ausgezogen. Von all dem hatte ich vor einem Jahr keine Ahnung. What a ride! 


24.12.2020

Weihnachten. Wir feiern mit der ganzen Familie, acht Personen, frisch vom PCR-Test vor den Christbaum. Es ist einer dieser Tage, an dem ich genieße, nicht mehr zu fliegen. Kein Diensthandy, kein standby, keine Last-Minute-Flugpläne. Kiew, Neuseeland, Lissabon waren es in den vergangenen Jahren an diesem Tag. Diesmal: zu Hause in Wien. Feels like christmas!


09.01.2021

Meine Hände sind kalt, mein Herz klopft schneller, als ich in der Trafik die Zeitung hole. Der Artikel im Standard erscheint. Lange habe ich überlegt, ihn unter einem Pseudonym zu schreiben, weil daran nichts schöngeredet oder zurechtgebogen ist, und ich mich als Person voll der Kritik ausliefere. Damit  werde ich mir nicht nur Freunde machen. Aber was ist eine Meinung schon wert, wenn man nicht dazu steht?


12.01.2021

Wow, was für ein Echo!  Mehr als 700 LeserInnen diskutieren den Artikel online, er wird in den sozialen Netzwerken geteilt, ich bekomme Zuschriften von Piloten aus Österreich, Deutschland, Holland, sogar aus Dubai. Es überrascht mich, wieviele KollegInnen ähnlich denken. Und es gibt Kraft für meinen beruflichen Neustart. Zwei Einladungen zu Podcasts folgen, eine in Deutschland, eine in Österreich. Dann ruft die ARD an. Ob ich bereit wäre, als Gast in eine Talkshow zu kommen.  Das Thema: Worauf noch warten? Gute Frage. Ich komme!


28.1.2021

Der Sprint in die Zielgerade. Termine fixiert, mit Partnern telefoniert, durch die Bürokratie gehantelt, Zoom-Meetings abgehalten, Konzepte diskutiert, Beratung eingeholt, Fachlektüre gelesen, Aussendungen vorbereitet. Die neue Homepage geht online. Hermann Hesse nannte das den Zauber des Anfangs. Wie herrlich, sich verzaubern zu lassen! 


10.2.2021

Kurz vor Mitternacht und Endspurt für den ersten Workshop, der morgen startet. Wir sind eine bunte Runde: von der arbeitslos gewordenen A 380er Copilotin aus Dubai über die Lufthansa Flugschülerin aus Frankfurt, deren Ausbildung eingestampft wurde, bis zum Privatjetpiloten aus Österreich, für den sich die Arbeitsbedingungen immer mehr verschlechtern.  Alleine bei Austrian wird gerade die Dash Flotte aufgelöst, die Anzahl der 767 Langstreckenflieger halbiert, ab Sommer verlässt monatlich ein A 319 die Firma. Woanders, das bestätigen Gespräche mit anderen Airlines,  läuft es nicht besser. Piloten sind eine der ersten Berufsgruppen, die die Krise mit voller Wucht trifft. Aber sie haben dadurch auch die Chance, vorne mitzumischen, wenn es darum geht, neue Beschäftigung zu finden. Davon bin ich überzeugt.


11.2.2021

Ein Abend mit Frauenpower und Kapitäns Know-How, spannenden Geschichten, einer gemeinsamen Leidenschaft und in sehr kurzer Zeit großer Vertrautheit. Es hat viel Spaß gemacht, gemeinsam mit Jens durch diese Veranstaltung zu führen. Das positive feedback der TeilnehmerInnen macht Lust auf mehr: Wir planen den nächsten Workshop für März, diesmal sollen auch flight attendants mit dabei sein können.


2.3.2021 

 

Ich war ein paar Tage „off the grid“, wie die Neuseeländer das nennen. Handy aus und  in die Berge. Blauer Himmel, Schnee, Sonne und frühlingshafte Temperaturen. Die Dinge mit Abstand sehen, bevor es losgeht mit den Vorbereitungen für den März Workshop. 

Was mich fasziniert an den Erfahrungen bisher: wie eine Idee Fahrt aufnehmen kann. Wie sie sich ihren Weg bahnt, bekannt wird, AnhängerInnen und UnterstützerInnen findet,  auch ganz ohne Marketing. Ich glaube, Menschen spüren,  ob es jemandem in erster Linie um das business geht oder ob da etwas entsteht, weil es von Innen kommt und dringend gebraucht wird. Ein Copilot einer großen Airline hat mir erzählt, dass fünf seiner Kollegen sich das Leben genommen haben, seit dem lockdown. Sie fühlten sich nicht mehr gebraucht, und als sie gekündigt wurden, hatten sie Angst, ihre Existenz zu verlieren. Möge unsere Arbeit verhindern, dass noch mehr solcher Tragödien passieren. Oft reicht als erster Schritt schon der Austausch mit anderen, das Gefühl, „nicht die Einzige zu sein, die nicht weiß, wie es weitergeht“, wie es eine Workshop Teilnehmerin formuliert hat.  Hier beginnt die Reise. Zu etwas, das wir heute noch nicht kennen. Am Ende wird sich für viele eine gute Alternative zum Fliegen ergeben. Die Amerikaner nennen das übrigens: einen neuen Job „daten“.  Try and see. In Beziehungen  heiraten ja auch die wenigstens gleich die erste Liebe und sind mit ihr ein Leben lang zusammen.


15.3.2021

Heute Abend ist es so weit: meine 15 Minuten Warholscher Ruhm stehen an. Obwohl es genau genommen nur 14 sind, und die muss ich mir auch noch mit zwei anderen Protagonist:innen teilen ;)  Danke Markus Stachl für den Bericht über "wetransformpilots" und die persönliche Geschichte dazu in der ORF Sendung "Thema" ! Heute Abend, 21.15, ORF 2. 


23.3.2021

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die eine große Wirkung haben. In meinem Fall: ein Video auf you tube,  über das ich gestern gestolpert bin. Es stammt aus den 1980er Jahren und zeigt eine Rede von Professor Paul Watzlawick in Stuttgart. Watzlawick hatte durch seine Biographie einen weiten Horizont. Er studierte in Zürich, war Professor in El Salvador, lebte in Kalifornien und Indien und lernte Krishnamurti kennen. Bekannt wurde er vor allem für seine Theorien zur Kommunikation  ("Man kann nicht nicht kommunizieren"). In dem Video steht er vorne am Pult, spricht in Mikrophone, um die sich meterweise Kabel ranken, zu Menschen mit interessanten Frisuren und Pullovern, und er beschreibt in seinem Vortrag, wie sehr Menschen und auch Tiere an Lösungen festhalten, die sich einmal als brauchbar erwiesen haben. Das Problem dabei: Was tun, wenn sich der Rahmen ändert, die Umstände andere werden? Wir halten weiter an der alten Lösung fest. Dann wird das Problem allerdings größer. Man kann das als schöne Metapher sehen. Für das, was vielen Pilot:innen gerade passiert. Für unser Wirtschaften allgemein. Etwas später demonstriert Watzlawick, was passiert, wenn die Lösung für ein Problem außerhalb unseres Denksystems liegt. Manchmal ganz nahe, und doch nicht greifbar. Wir probieren dann in Gedanken alle Möglichkeiten aus, suchen nach einem brauchbaren Ansatz, aber drehen uns im Kreis. Was das mit Pilot:innen zu tun hat? Viel. Weil es die Art und Weise ist, wie wir uns selbst sehen, die sich ändern kann und plötzlich neue Türen öffnet. Manchmal braucht es nur den Blick von außen, um das Potential im Inneren zu erkennen. Staunen inklusive. 

(You Tube: Paul Watzlawick: "Wenn die Lösung das Problem ist")

 


15.04.2021

Ende März ist mir mein typerating für die „Latitude“ ausgelaufen. Die Berechtigung also, diesen modernen Business Jet zu fliegen, die man jedes Jahr erneuern muss. Verbunden ist das mit einem Simulator Check in den USA, und privat sind die Kosten jenseits der 20.000 Euro unerschwinglich. Schade einerseits, weil es ein beeindruckendes Flugzeug war, mit modernster Technik und angenehm zu fliegen. Wird es mir fehlen? Ganz ehrlich: Nein. Und das hat mich selbst überrascht. Aber wenn ich daran denke, spüre ich auch, wieviel Lebensqualität ich gewonnen habe, seitdem ich nicht mehr hauptberuflich fliege. Wer eine Sache loslässt, kann etwas anderes „in Angriff nehmen“. 

Was mir abgeht, ist das Gefühl des Fliegens. Die Welt von oben zu betrachten. Der Erdanziehung ein Schnäppchen zu schlagen und frei zu sein im Raum. Aber das hole ich mir zurück, wenn der Zeitpunkt kommt. Mit einer kleinen, zweisitzigen Propellermaschine und einem Flug über die Alpengipfel. Da kann meine Frau mitkommen, und ich brauche ihr nicht mehr am Telefon erklären, dass sich leider der Dienstplan verschoben hat und ich am Wochenende doch nicht heimkomme.


1.05.2021

 

Ich war in den vergangenen Tagen für den „Standard“ unterwegs. Eine Reportage aus dem Campingbus, 1500 km kreuz und quer durch Österreich. Das Thema: Was braucht es jetzt, in einer Welt nach der Pandemie? Was haben wir gelernt, was könnten wir besser machen? Es waren spannende Begegnungen, spontan, ohne geplante Route. Ein junger Biobauer, der sich dagegen wehrt, immer mehr produzieren zu müssen, weil der Ertrag pro Hektar in der Landwirtschaft seit Jahren sinkt. Eine Vorzeigemanagerin und Karrierefrau, die plötzlich Zweifel daran hat, ob sich tatsächlich alles um Geld drehen sollte. Und Luis, mit weißem Rauschebart und Filzhut und seinen 96 Jahren der älteste Kitzbüheler, hat seine Weisheit in einem Satz zusammengefasst: „Die Gier ist ein Hund!“ Zu lesen im „Album“ am 5. Juni. Ich freu mich drauf! 

 

 

 8.05.2021

 Heute haben wir unser Programm einer Airline präsentiert. Die Arbeit von mehreren Monaten in 15 Minuten Powerpoint auf den Punkt gebracht. Das Feedback freut mich, weil es zeigt, dass unser Zugang richtig ist. Den Weg zu einem neuen Job, zu einer neuen Aufgabe mit einem Blick nach Innen zu beginnen.

Aber es gehört mehr dazu, aus einer guten Idee eine funktionierende Firma zu machen. Wie ein Maler bin ich damit beschäftigt, Details mit dem Pinsel auf die Leinwand zu bringen: Im Team knüpfen wir Kontakte, planen Workshops, nehmen Promo Videos auf, tüfteln am Corporate Design, beantworten Mails, zoomen uns durch die Woche. Aber was es dann braucht, ist ein Zurücktreten. Um das große Ganze wieder zu sehen. Die Leinwand, nicht nur den Pinselstrich. Welcher Bereich ist jetzt gerade wichtig? Habe ich etwas übersehen? Wo fehlt etwas? Prioritäten setzen, wenn es zeitlich eng wird, das kenne ich aus dem Cockpit. Die Prioritäten mehrmals am Tag neu zu ordnen, Impulse aufzunehmen, Ideen umzustoßen und etwas Neues zu probieren – so sieht jetzt mein Alltag aus. 

 

 

 29.05.2021

 

Ok, ich dachte eigentlich, ich hätte die Berufspiloten-Identität mit der Uniform abgegeben, am letzten Arbeitstag. Aber so einfach ist das dann doch nicht. Alle Jahre wieder gilt es, die Lizenzen zu verlängern. Von einigen habe ich mich bereits verabschiedet, aber es gibt andere, von denen will ich mich nicht trennen. Der Aufwand, sie zu erwerben, war zu groß: Die Instrumentenflugberechtigung zum Beispiel oder meine Fluglehrer Lizenz. An diesem Wochenende gibt es ein verpflichtendes Zweitages-Seminar für Fluglehrer. Und da sind sie wieder: all die bekannten Gesichter aus der Branche, die Ex-Kollegen aus dem Cockpit, mit denen man ein Bier in Hotelbars getrunken hat oder gemeinsam Abendessen war. Ein paar wurden Freunde. Es fühlt sich seltsam an: als wäre alles wie immer, und doch ist alles anders. Etwas hat sich verschoben. Meine Sicht auf diesen Beruf ist eine andere geworden, aber noch ist mir der alte Blick vertraut. Dieses Pendeln zwischen zwei Welten ist typisch für Change Prozesse. Was hilft? Einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Die Ambivalenz auszuhalten. Klarheit braucht auch Zeit.